Sie sind überall in der Stadt zu sehen, wenn man nur genau hinschaut: Stolpersteine. Allein in Berlin gibt es mittlerweile über 2800 dieser kleinen messingfarbenen Gedenksteine des Künstlers Günter Demnig, die vor den Häusern in den Boden eingearbeitet werden. Häuser, in denen jüdische Bewohner oder andere Verfolgte lebten, die von den Nazis deportiert, verschleppt und ermordet wurden.
Zwei neue Gedenksteine wurden am Samstag, dem 3.Juli 2010 vor dem Haus Albrechtstraße 59a in Berlin-Steglitz verlegt.
Der Künstler Gunter Demnig begann vor 15 Jahren in seiner Heimatstadt Köln und seiner Geburtsstadt Berlin mit der Verlegung dieser kleinen Mahnmale, damals noch illegal. Heute existieren insgesamt mehr als 25.000 solcher Gedenksteine in ganz Deutschland und in acht europäischen Ländern. Man begegnet ihnen sozusagen auf Schritt und Tritt: Sie sollen zum Innehalten anregen, zur Kenntnisnahme, dass an diesem Ort ein Mensch lebte, dessen Name nicht vergessen sein darf, frei nach dem Sprichwort: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“.
In einem Interview stellt der Künstler Demnig fest, dass es unglaublich sei, mit welchem Engagement nicht nur Geschichtsforscher, sondern auch private Initiativen, kirchliche Gemeinden, Schülergruppen und Angehörige forschen, um mehr über die Ermordeten zu erfahren. Aufwendige Recherchen mit vielen Befragungen, Einsichtnahme in Kirchenbücher, alte Telefonbücher oder Mieterlisten sind meist nötig, um zu erfahren, an welchen Orten Menschen aus unserer Mitte gerissen wurden. Und immer wieder kommt es zu Gesprächen mit noch wohnenden Mietern, die danach feststellen: Die Opfer waren unsere Nachbarn. Sie lebten unter uns, waren mit uns bekannt und verwandt. Die gemeinsame Arbeit schafft auch ein generationsübergreifendes Miteinander, denn oft sind es Schülergruppen, die im Rahmen eines Geschichtsprojektes Daten sammeln, indem vor Ort ältere Bewohner interviewt werden und die ihnen erzählen, was damals geschah. Junge Menschen erhalten so die Gelegenheit, aus den Erzählungen und Berichten alter Bewohner oder Angehöriger einen konkreten und persönlichen Bezug zum Thema zu gewinnen.
Auch in der evangelischen Markus-Kirchengemeinde in Berlin Steglitz gibt es eine „Arbeitsgruppe Stolpersteine“, die sich für die Verlegung dieser Messingsteine als Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürger innerhalb der Kirchengemeinde einsetzt. Inge und Günter Tarun sowie einige andere Ehrenamtliche, sowie interessierte Mieter des Objekts waren deshalb am Samstag Vormittag dabei, als vor dem Haus Albrechtstraße 59a in Berlin-Steglitz zwei neue Gedenksteine installiert wurden.
- Einer der Steine erinnert an die Witwe des Senatspräsidenten Willy Marwitz, Frau Marie Marwitz. Sie wurde am 6.3.1871 in Berlin geboren. Seit dem 16.10.1935 wohnte sie in der Albrechtstraße 59 a und trug ab 1940 den Vornamen „Sara“. Sie wurde am 5.8.1942 mit dem Transport I/38 nach Theresienstadt deportiert und dort am 2.7.1944 ermordet.
- Frau Helene Dörner wurde am 13.6.1882 in Mainz geboren. Sie war von Beruf Pianistin und übte diesen von 1926 bis 1932 aus. Danach arbeitete sie als Stenotypistin. Sie war mit Marx Dörner, einem „Arier“ verheiratet, der 1925 an einem kriegsbedingten Lungenleiden verstarb. Er hatte eine elektrochemische Fabrik in Kreuzberg (Fa. Dörner & Lieskau). Bis zu ihrer Deportation am 16.6.1943 nach Theresienstadt, wo sie am 9.10.1944 ermordet wurde, bezog sie eine Kriegerwitwenrente. Sie wohnte bei Frau Marwitz zur Untermiete. Am 26.11.1942 wurde das Zimmer von Frau Dörner geräumt.
Herr Günter Tarun, Leiter der „Arbeitsgruppe Stolpersteine“ der Markus-Kirchengemeinde erklärte in einer kleinen Ansprache nochmals den Vorgang der Verlegung durch den Künstler Demnig und die Probleme, die sich manchmal ergeben, wenn es Terminschwierigkeiten gibt, wie an diesem Tag auch. So zum Beispiel, weil der Untergrund der Straßenbeläge sich erst vor Ort als schwieriger herausstellt als angenommen. Der Termin in der Albrechtstraße musste deshalb vorverlegt werden, da der Künstler an einem anderen Ort die Arbeiten vorzeitig abbrechen musste. Dort, vor der Humboldt-Universität zu Berlin, erwies sich der Straßenuntergrund als betoniert, deshalb konnten nur zwei statt der 20 geplanten Steine verlegt werden.
Alle Mieter der Häuser wurden durch die FDS-Hausverwaltung über den geplanten Termin durch einen Aushang unterrichtet, und auch zur vereinbarten Zeit standen immer noch interessierte Mieter und Mitglieder des Arbeitskreises vor dem Haus zusammen und diskutierten lebhaft über das Ereignis.
Frau und Herr Tarun berichteten anschaulich von der teilweise recht mühsamen Arbeit, die notwendigen Namen und Adressen der Opfer zu erforschen. Die Arbeitsgruppe ist auf Mithilfe vieler Menschen, aber auch auf einen guten Zugang zu Datenbanken und Archiven angewiesen. Die interessantesten Informationen aber sind erzählte oder weitererzählte Geschichten selbst. Auch die Mithilfe der Eigentümer und Hausverwaltungen ist sehr wichtig, so betonte das Ehepaar Tarun, dass die Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin als heutige Eigentümerin des ehemaligen „Millionenbaues“ am Ufer des Teltowkanals sehr aufgeschlossen gegenüber dieser ehrenamtlichen Arbeit ist. Die Stiftung besitzt übrigens mehrere Altbauten, vor denen bereits Stolpersteine verlegt wurden, so zum Beispiel die Häuser Güntzelstraße 53, Württembergische Str. 31 und Helmstedter Str. 24 in Berlin-Wilmersdorf. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung zeigt hier generell viel Engagement: Bereits seit 2002 übernahm die Fürst Donnersmarck-Stiftung für insgesamt 16 Stolpersteine die Patenschaft: 8 für jüdische Opfer und 8 für Opfer der "Euthanasie".
Für jeden Stein werden Paten gesucht, die die Steine regelmässig reinigen und pflegen, damit diese nicht wieder im Asphalt verschwinden und unsichtbar werden. Auch für die beiden Steine in der Albrechtstraße wurde eine Patin gefunden.
Das Interesse der Eigentümer an solchen Stolpersteinen vor Ihren Häusern ist generell groß: Zur Zeit gibt es allein in Berlin über 650 Anträge auf einer Warteliste. Die Wartezeit beträgt je nach Bezirk zwischen 12 und 18 Monate. Als zentrale Koordinationsstelle steht die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin. Wer Interesse daran hat, vor seinem Haus einen Stolperstein verlegen zu lassen, muss nur einen Antrag stellen und 95 € aufbringen.
Die "AG Stolpersteine" der Markus-Gemeinde in Steglitz freut sich über jeden Interessierten, aber auch über Spenden für ihre Arbeit auf das Spendenkonto: Evangelische Darlehnsgenossenschaft, BLZ 210 602 37, Konto-Nr.: 47087068, Verwendungszzweck: „Stolpersteine“ (bitte unbedingt angeben). Die Termine für die Zusammenkunft der Arbeitsgruppe entnehmen Interessierte dem Infobrett des Gemeindehauses in der Albrechtstraße 81a Tel: 794 70628.
Und was kann jeder Mitbürger selbst tun, um diese ehrenamtliche Arbeit zu fördern und zu würdigen?
Wenn Sie Stolpersteine finden, halten Sie kurz inne. Lesen Sie die Namen und denken Sie an die Menschen dahinter. Juden, Zigeuner, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung. Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus aus unserer Mitte heraus brutal verschleppt und ermordet wurden.